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Ni No Kuni II: Revenant Kingdom (PC) Test

Mit Ni No Kuni II: Revenant Kingdom liefern die Entwickler von Level-5 den lang ersehnten Nachfolger des emotionalen wie ästhetisch überzeugenden ersten Teils Ni No Kuni. Abermals finden wir uns in einer zauberhaften Fantasiewelt wieder und erleben ein Abenteuer voller mystischer Wesen, witzigen Charakteren und vor allem ganz viel Herz. Ob Bandai Namco damit auch einen spielerisch überzeugenden Titel abliefert, klären wir hier im Test.

Die Parallelwelten von Ni No Kuni II: Revenant Kingdom

Eine düstere Stadt, ein schroffe Skyline, eine schwarze Limousine. Als der Präsident dieses unbekannten Landes von seinem Chauffeur zum nächsten Termin gefahren wird, ist es ein Abend wie jeder andere. Seine Haare sind bereits ergraut und der Blick gesenkt von vielen Sorgen. Auf einmal geht alle ganz schnell – Etwas zieht sich über den Himmel, ein Lichtblitz und Präsident Roland verschwindet von dieser Welt.

Ein Terroranschlag? Ein geistiger Aussetzer? Oder schlichtweg Magie?

Auf einmal findet sich der vormals noch gealterte Präsident Roland komplett verjüngt im Zimmer des Kind-Königs Evan wieder – Ein Junge mit spitzen Katzenohren und großen blauen Augen. Roland und Evan, beide völlig verunsichert, müssen die Klärung dieser unglaublichen Situation bis auf Weiteres verschieben, denn im Königreich Katzbuckel wird geputscht! Der Thronfolger soll getötet werden und die Flucht aus dem Schloss drängt. Ob aus Verantwortungs- oder Mitgefühl, Roland nimmt sich des blonden Jungen an und hilft ihm, dem Rattenkönig zu entkommen.

Schnell wird klar, in der Welt von Ni No Kuni gibt es ein Problem zwischen verschiedenen tierischen Ethnien, die sich jede der anderen überlegen fühlt. Ob Katze, Maus, Hund oder Fisch, die Konflikte und Machtspielereien erinnern Roland stark an seine, unserer Realität ähnlichen Welt. Auch fantastische Dimensionen scheinen von Krieg und Tod nicht verschont zu sein.

Hoffnung in eine große Mission

Evan schwört nach seiner Flucht dies ein für allemal zu ändern. Er will ein guter König einer vereinten Welt sein – Einer Welt in der alle glücklich und in Frieden leben. So naiv und kindlich der Plan auch klingt, der hoffnungsvolle und bestimmte Blick aus den blauen Augen überzeugt Roland und weitere Gefährten, sich diesem unkonventionellen König anzuschließen. Es beginnt der Aufbau des neuen Königreichs Minapolis und eine Abenteuerreise durch die verschiedenen Länder der Fantasiewelt von Ni No Kuni.

Geschichtlich hat Ni No Kuni II: Revenant Kingdom, wie ihr vielleicht schon merkt, nichts mit dem Vorgänger zu tun. Kleinere Details verweisen darauf, dass sich die Ereignisse in der gleichen Welt abspielen, doch Evans Reise begibt sich hunderte Jahre nach unserem ersten Abenteuer. Hier kann also jeder einsteigen, auch wenn der erste Titel noch in der Spielebibliothek fehlt.

Zunächst als wehrhaftes Duo aus Evan und Roland treffen wir bald weitere Gefährten, die sich unserer Truppe anschließen. Neben der frechen und vorlauten Shanty und ihrem Vater dem Luftpiratenkönig treffen wir bald auf unseren Königs-Wächter – Ein mächtiges Wesen, häufig drachenähnlich und monströs. In unserem Fall, vielleicht weil unser Königreich so klein ist, schließt sich Remmi an. Ein kleiner gelber Knilch ohne Geduld und mit schlechten Manieren, der jedoch alle weiteren Dialoge und Szenen unglaublich komisch aufwerten wird.

Wundervolle Reiche und schnittige Vehikel

Die Szenen und Dialoge sind leider, wie im Vorgänger, nur teilvertont. Genre-gemäß klicken wir uns durch laufende Textfenster. Die Dialoge sind dabei jedoch auch in der deutschen Übersetzung überzeugend geschrieben und lassen den Charakter jedes Sprechers immer wieder aufblitzen. Neben den komplett durchinszenierten Szenen, stehen die Figuren in den Zwischensequenzen leider meist in einer Runde herum und schöpfen aus einem übersichtlichen, sich wiederholenden Gesten- und Geräuschekatalog während der Lesezeit.

Ohnehin wollen wir eigentlich nur raus in die wundervolle Welt und ihre Kreaturen und Geheimnisse erkunden. Diesmal leider ohne das Zutun von Studio Ghibli, ist die Welt dennoch nicht weniger beeindruckend und einfallsreich gestaltet. Vielleicht auch weil der frühere Ghibli-Charakter-Designer Joe Hisaishi an der Entwicklung federführend beteiligt war. Man kann sich gar nicht sattsehen an den verschiedenen Umgebungen und Figuren ob in Wald, Stadt oder Wasserwelt.

Weite Strecken über die Karte erledigen wir in niedlicher Draufsicht auf unsere Gruppe von Ballonköpfchen und bestreiten Kämpfe beim Zusammentreffen mit Gegnern in einer Arena in der 3rd-Person-Perspektive. Betreten wird abgegrenzte Umgebungen, wie einen Wald, eine Höhle oder eine Stadt verlassen wir abermals die Draufsicht und erkunden das Gebiet komplett aus der dritten Person. Zuerst sind wird noch auf unsere unermüdlichen Sohlen angewiesen, doch später bekommen wir ein schniekes Schiff gebaut und können sogar den Luftraum erobern. Glücklicherweise sind in der ganzen Welt großzügig Reisepunkte verteilt, die das erneute Besuchen bereits erkundeter Landstriche vereinfachen.

Mit Schwert und Zauberstab

Das Kampfsystem unterscheidet sich stark vom Vorgänger. Wir können aus unserer wachsenden Gruppe eine Figur auswählen, mit der wir auf die Gegner eindreschen wollen. Jede Figur hat eigene Spezialattacken und unterschiedliche Waffenklassen. Hier können wir lustig rumprobieren, bis wir unseren Favoriten/Favoritin gefunden haben. Neben normalen Nah- und Fernkampfangriffen stehen uns magische Angriffe zur Verfügung, die uns Mana kosten. Dieses läd sich mit einigen normalen Angriffen wieder auf und erneut können wir Element-Zauber und -Attacken wirken. Dies sieht farbenfroh und effektvoll aus und macht auch reichlich Spaß. Zwei wirklich nützliche Ki-Gefährten und natürlich unser Wächterfreund Remmi helfen uns dabei .

Neue Waffen und Ausrüstung gewinnen wir im Kampf oder finden wir in zahlreich verteilten Schatzkisten. Hier tun wir gut daran, alle unsere Freunde mit Sorgfalt auszustatten. Neben nützlichen Gegenständen finden wir auch immer wieder kleine Element-Geister, sogenannte Gnuffis, die uns im Kampf zur Seite stehen. Jede Gnuffi-Sorte hat eigene Charakter- und Kampfeigenschaften. Die Gnuffis heilen uns, vergiften oder fixieren Gegner oder stellen kurzerhand kleine Kanonen auf und steigen voll ins Kampfgeschehen mit ein.

Zum Ausdefinieren unserer Eigenschaften steht uns der Kampfequalizer zur Verfügung. Hier können wir Attackenstärke, Widerstand und Loot mit erhaltenen Kampfpunkten aufwerten. Dabei sind manche Parameter an zwei gegensätzliche Gegnerklassen gebunden. Es gibt beispielweise harte und weiche Gegner auf der einen, Feen- und Drachengegner auf der anderen Skala. Wer gegen weiche Gegner seine Punkte einsetzt, kann nicht gleichzeitig gegen harte Gegner ebenso effektiv sein. Hier ist es also nützlich, sich den Gegebenheiten der Umgebung immer wieder anzupassen.

Bei so viel Unterstützung kann man sich vielleicht vorstellen, dass die Kämpfe vergleichsweise einfach zu bestreiten sind. Wenn wir es nicht tun, knüppeln unsere Gefährten die Widersacher in windeseile zu Boden. Die Bosskämpfe sind dennoch ein echter Hingucker, nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Kampfstile und Gestaltungen der monströsen Gegner von Ni No Kuni. Nach einer kurzen Beobachtungszeit ist aber meist die Schwachstelle ausgemacht und auch der größte Gegner in ein paar Minuten besiegt.

Hier treffen Welten aufeinander

Soweit so J-RPG. Im späteren Spielverlauf versucht sich Ni No Kuni II: Revenant Kingdom an einem interessanten Genremix. Einmal müssen wir als Königreich Schlachten gegen Banditen und andere Gesetzlose schlagen. Hierfür stehen uns maximal vier zu befehligende Truppen zur Verfügung, die sich um den Feldherren Evan platzieren. Hierbei schlagen sich die Truppen nach einem Schere-Stein-Papier-Prinzip. Mit Einsatzmitteln können wir Spezialangriffe wie Bomben und Schockwellen kaufen, doch das Budget ist knapp bemessen und es ist ratsam, die Situationen sorgsam auszuwählen. Dies klingt auf dem Papier ganz interessant, ist aber recht oberflächlich und nicht besonders anspruchsvoll. Dennoch eine nette Abwechslung vom Monstergekloppe.

Neben den Schlachten müssen wir unser Königreich ausbauen. Hierfür werben wir Talente mit verschiedenen Fähigkeiten an, bauen Einrichtungen mit spezifischen Forschungsschwerpunkten und setzen unsere Bürger dort ein. Je geeigneter die Person, desto schneller geht die Forschung voran. Wir können Ausrüstung und Waffen aufwerten und selbst aus gefundenem Material bauen, die königliche Küche verbessern und in der Gnuffiküche unsere kleinen Begleiter großziehen und neue „kochen“.

Die Talente werben wir meist an, indem wir ihnen Gefallen in Form von Quests tun. Diese gehen selten über „Bring mir dies.“ oder „Töte das.“ oder „Töte das und dann bring mir dies.“ hinaus. Durch die Reisepunkte sind wir meist schnell überall, wo uns die niedlichen Charaktere hinschicken und durch den geringen Schwierigkeitsgrad haben wir die Bereiche meist schnell komplett entvölkert und den Questgegenstand in die Städte zurückgebracht.

Die Forschung durch die Talente in der Stadt kostet erwirtschaftete Kronen (die Regierungswährung) und muss immer wieder mit einen Besuch in Minapolis angestoßen werden. Manche Forschung wirkt sich sofort auf Kampf und Schlachtgeschehen aus, andere bleibt doch eher diffus. Der Aufbau ist eine nette Fingerübung für zwischendurch, hat aber keine besondere Tiefe und Tragkraft.

Großer Umfang und kleine Herausforderungen

So versuchen wir unser Königreich weiter zu bevölkern, auszubauen, zu verteidigen und ganz nebenbei alle Herrscher der Welt für unser friedvolles Bündnis zu begeistern. Die Haupt-Quest ist hierbei ein absoluter Story-Leckerbissen. Die Herrscher/innen und Völker, eins exzentrischer als das andere, sind so fantasievoll und so abstrus gestaltet, dass man sich nur zu gerne in die Welt von Ni No Kuni II: Revenant Kingdom einsaugen lassen möchte. Neben epischen Begegnungen und bedeutungsschweren Ereignissen schleicht sich auch immer wieder eine unerwartet lustige Situation ein. Das hält die Spieler über die unzähligen Stunden von Ni No KuniII bei Laune. Die Welt erschöpft sich einfach nicht.

Mit den verschiedenen Genres die Ni No Kuni II: Revenant Kingdom anschneidet kommt viel Abwechslung ins Geschehen. Es gibt einfach immer etwas neues zu lernen. Das wirkt manchmal erschlagend.  Nach den ersten zehn Stunden Spielzeit wissen wir immer noch nicht, wofür eigentlich der ganze Kram gut ist, den wir einsammeln. Das ist ungewohnt, transportiert jedoch recht passend das Gefühl, das der Kind-König in Anbetracht der riesigen und plötzlichen Verantwortung haben muss.


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Henriette Buss ist seit 2017 Redakteurin bei spieletester.de und forscht innerhalb ihres Studiums zu Videospiel-Inszenierung und interessiert sich besonders für Avatar-Bindungen.

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