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Orwell: Ignorance is Strength (PC) – Update Episode 3 – Finale

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9

Orwell: Ignorance is Strength

9.0/10

Pros

  • Neue Art des Gameplays
  • Politisch und kritisch
  • Spannende Story

Cons

  • Keine Spielempfehlung für Jedermann
  • Auswirkungen unvorhersehbar bis beliebig

In der dritten und finalen Episode von Orwell: Ignorance is Strength spitzt sich die Situation weiter zu zu. Nicht nur, dass unsere Entscheidungen der letzten Folge unweigerliche Folgen nach sich ziehen. Wir bekommen auch ein weiteres Instrument um unsere politischen Feinde ins Abseits zu befördern.

Ein neuer Arbeitstag bei Orwell

Wie schon in der zweiten Episode hat sich das Spielprinzip und unser Grundproblem nicht groß verändert. Wir recherchieren weiterhin im Netz, durchforsten Profile, hören Telefonate ab und lesen E-Mails und Chatverläufe. Hierbei müssen wir wieder unter steigendem „Zeitdruck“ filtern, welche Informationen glaubwürdig und nützlich sind und welche nicht.

Zeitdruck ist hier abermals nicht wörtlich zu verstehen. Wie schon in den vorigen Artikeln erwähnt, können wir uns zum Lesen der Daten so viel Zeit lassen wie wir wollen. Mit jeder ausgewählten Information vergehen aber 10 Minuten unseres Arbeitstages. Haben wir also zwei ingame-Stunden Zeit, um bestimmte Spuren zu verfolgen, können wir 12 Informationen auswählen und hoffen, dass die richtige dabei ist.

Recherche und das Beibehalten eines Überblicks sind in dieser Episode mehr denn je von enormer Wichtigkeit. Denn nun gilt es, die gesamte Datenbank der letzten beiden Episoden penibel auszuwerten. Nicht selten hat man das Problem, sich zu erinnern, wo man welchen Storyfetzen zuletzt gelesen hat.

In den vorausgehenden Episoden befand man sich meist in der vorteilhaften Position, dass eine Information eine weitere „related Information“ nach sich zog, die mit einem Klingel-Sound angekündigt und einem roten Stern markiert wurde. In diesem Fall haben wir das Glück leider nicht. Die Spurensuche verläuft nicht mehr linear, sondern breitet sich auf einmal in dem gesamten Netz der ausspionierten Datensätze aus.

Von Fakten zu Fake News

Doch zu dieser neuen Herausforderung im altbekannten Feld kommt ein neues Manipulationsinstrument, das schmerzhaft treffend neue Populismusmethoden im Netz charakterisiert. Unsere jetzigen Waffen sind Klicks, Follower und Likes. Mit dem … versuchen wir gegen starke Statements unseres Widersacher Raban Vhart im Netz anzugehen. Wir wollen seine Inszinierung als Rächer des kleinen Mannes zerstören, in dem wir starke Statements veröffentlichen.

Hier können wir uns nicht einfach Dinge aus den Fingern saugen. Es müssen reale Gespräche und Umstände in einen zusammengestellt und in einem neuen Kontext veröffentlicht werden. Hierfür bekommen wir immer eine Behauptung von Raban Vhart als Ausgangspunkt, gegen die wir dann vorgehen müssen. Ziel ist es mit einer Veröffentlichung, bei der wir uns meist entscheiden müssen, welchen Teil seiner Familie oder seiner Geschichte wir verleugnen, seine Follower-Zahlen einbrechen zu lassen.

Dies gelingt je nach Entscheidung mal besser mal schlechter. Unsere identitätslose Vorgesetzte gibt zwar Hinweise, doch bleibt dem Spieler immer Freiraum, selber den nächsten Schlag zu definieren. Richtig nachvollziehbar ist es nicht, was die Community gerade hören oder nicht hören will. Doch bei betrachten jüngster Internet-Hypes rund um Beauty-Gurus und und Katzen-Videos ist dieser Umstand doch recht nah an der unserer Lebenswirklichkeit.

Dieses ausartende Wesen aus hunderttausenden Accounts ist wirklich schwer zu kontrollieren, und so sind es auch die Informationen, die wir schlussendlich verbreiten. Denn nicht nur die gesichtslose Masse an Followern bekommt hier Intimes von Raban Vhart zu hören. Auch unsere Zielobjekte, die wir nach Stunden der Durchforstung ihrer privaten Geräte recht gut kennen, hören und reagieren. So bekommt der Schmerz nach der öffentlichen Verleumdung einen Charakter und eine Stimme. Und wir als Profiler ein Gewissen.

Der Fehler im System

Der Zwiespalt ist perfekt und da wir nun die Geschichte aufgrund unserer Entscheidungen enden lassen (und es gibt tatsächlich sehr unterschiedliche Optionen, nicht nur Augenwischerei) entfaltet sich nun die ganze Last, die Orwell von Episode zu Episode auf unsere Schultern abgewälzt hat. Unsere Auftraggeber haben wir immer noch nicht gesehen und mit unseren Zielpersonen kein einziges Wort gewechselt. Woher nehmen wir eigentlich das Recht für unser Handeln?

Das einzige, was ich Rückblickend an Orwell: Ignorance is Strength kritisieren kann, ist dass man nicht jeder heißen Spur nachgehen kann. Besonders prägnante Sätze oder vielsagende Fotos lassen sich nicht in das System hochladen. So kommt es nicht selten vor, dass mir aufgrund von allem was man gelesen und gesehen hat, schon einige pikante und nicht gerade unwichtige Details aufgefallen sind, aber ich sie dem System von Orwell nicht mitteilen kann.

Beispielsweise fand ich irgendwann heraus, dass jemand aus dem näheren Umfeld unserer Zielperson ein Herz an dessen Ehefrau verloren hat. Ein Indiz: Er hat ihr Foto als Hintergrundbild auf seinem Smartphone und einen unmissverständlichen SMS-Entwurf. Wenn das mal nicht eine Story ist! Aber Orwell lässt mich diese (recht offensichtliche) Information nicht verarbeiten. Wir sollen auf einem anderem Wege zu genau dem gleichen Schluss kommen. Gerade beim Arbeiten unter Zeitdruck ist das sehr frustrierend.

Fazit
Aber dennoch, im Ganzen ist dieser digitale Dreiakter ein extrem spannendes und intelligentes Spiel. Zwar weiß man sich nicht immer genau zu verorten und kann die Folgen seiner Taten schwer einschätzen, aber die Dramaturgie funktioniert und transportiert die Geschichte über alle drei Episoden. Orwell: Ignorance is Strength ist eine der scharfsinnigsten Reflektionen zu den Themen Überwachung und digitale Manipulation. Sie ist deswegen so prägnant und schlüssich, weil wir im Endeffekt der Täter sind. Vor erdrückenden Schuldgefühlen rettet uns letztlich nur Ignoranz.
9
Sehr gut
Written by
Henriette Buss ist seit 2017 Redakteurin bei spieletester.de und forscht innerhalb ihres Studiums zu Videospiel-Inszenierung und interessiert sich besonders für Avatar-Bindungen.

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