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Shape of the World (PC) Test

Als Hollow Tree Games auf Kickstarter ihren verzauberten Spazier-Simulator Shape of the World vorstellten, trafen sie einen bisher unbeachteten Nerv. Der Zuspruch und die Spenden waren üppig. Die Kanadier hielten Wort und konnten nun mit Verspätung ihre Traumwelt allen zugänglich machen. Das Bedürfnis nach Ruhe und schmeichelnden Umgebungen scheint groß. Doch kann Shape of the World auch uns ständig gehetzte, zerstreuungsverwöhnte Spieler*innen einfangen? 

Shape of the World – Mit dem Spiel zur Ruhe kommen

Forscher entdecken nach und nach den Wert der Langeweile. Warum empfinden wir überhaupt Langeweile und warum ist sie dem Menschen so unglaublich zuwider? Fakt ist: Die Langeweile ist evolutionär begründet. Wem öde ist, beispielsweise durch repetitive Aufgaben, wird kreativ und wagt Neues. Nicht umsonst war beispielsweise Einsteins stinklangweilige Zeit im Patentamt seine bei Weitem produktivste.

In unserer heutigen Zeit kann die Langeweile vermieden werden. Das Smartphone hat sie abgetötet. Wann immer unser Geist gerade nichts zu tun bekommt, können wir ihn, vernetzt wie wir sind, mit neuen Informationen füttern. Kaum jemand starrt noch schweigend stumpfsinnig in die Gegend oder vollführt einfache Arbeiten, ohne nicht zumindest nebenher Netflix laufen zu lassen. Das ist vielleicht der Grund, warum sich so mancher ausgelaugt und rastlos fühlt. Man konsumiert so viel und schafft so wenig.

Shape of the World will uns also nun zurückholen. Runter auf einen Ruhepuls von 50 und rauf in ästhetisch abstrahierte Welten. Back to Boring. Das Entspannungsspiel, wohl am ehesten mit Walking-Simulator zu beschreiben, lässt uns explorativ eine fremde Welt erfahren. Ein narrativer Rahmen, eine Figur oder gar ein Spielziel gibt es nicht. Nur sanfte Klänge und pastellige Farbflächen.

Shape of the World – Flora, Fauna, Farbtopf

Die Umgebung besteht aus stark vereinfachten Formen, denen je nach Kapitel willkürlich Farben zugeordnet werden. Wer hier einen bunten Acid-Trip erwartet muss sich etwas gedulden. Die Farben sind vorerst blass und entstammen einer stark reduzierten Farbpalette von vier bis fünf Farben. Gegen einen zartgelben Himmel richten sich blaugraue Felsen auf, die aus der blassrosa Erde erwachsen. In späteren Kapiteln wird es deutlich bunter und dank Unreal Engine 4 sieht das auch alles äußerst hübsch aus.

Shape of the WorldDie vermeintlich gleiche Umgebung lässt sich auch bei mehrmaligen Durchstreifen neu erfahren. Denn nicht nur, dass sich die Natur prozessual zusammensetzt. Sie passt sich uns auch an. Wir entdecken und erschaffen das Land gleichermaßen. So kann es gut sein, dass wir den vermeintlich gleichen Ort ein zweites Mal besuchen und er in Form und Bewuchs verändert scheint. Da fällt die Orientierung manchmal schwer. Ebenso wenn wir plötzlich in einer Felsenspalte eingekesselt sind und man aufgrund der ungewöhnlichen Färbung nach kurzen Umgucken nicht mehr genau sagen kann, was Himmel, Wand und Wasser ist.

Doch wir schweben hier nicht allein! Unsere Welt wird bevölkert von kleinen Naturgeistern, die schüchtern fiepsen. Die einen wirken wir Kopffüßler an Land, die anderen wie ausgeschnittene Papierflieger. Sie tummeln sich im recht monotonen Bewuchs der Landstriche, die von Tälern, Bergen und Ufern bis in das Meer hinabreichen. Die Pflanzen wirken vertraut: Karge Kiefern, Gräser und langstielige Unterwasserpflanzen stammen klar von unserer Erde. Doch sobald wir sie berühren geben sie einzelne, sanfte Töne von sich – das Xylophon rauf und runter. Das gabs eine Realita bisher leider noch nie.Shape of the World

“Töne” ist überhaupt das Stichwort! Denn so wie sich beim Nähern die Umgebung immer wieder neu erschafft, passt sich auch die Musik unseren Bewegungen und Aktionen an. Streifen wir ruhig, ertönt der immer gleiche entspannende Loop, steigen wir eine Hängebrücke hinauf, schwillt.

Der Soundtrack in Lautstärke und Stimmung an. Alles reagiert auf uns und die Welt schmiegt sich beinahe an. So erhärtet sich der Verdacht, dass wir uns hier in einer, sogar unserer Traumwelt befinden. Soweit, so inaktiv.

Shape of the World – Die Nichtigkeit des Seins

Das Spiel bietet eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten, wie unser körperloses Ich sich in der weltfremden Umgebung verhalten kann. So erklingen nicht nur manche Objekte bei Berührung. Sie ziehen uns auch mit einem kleinen Geschwindigkeitsboost zu sich, um dann gleich darauf zu verschwinden. Manchmal finden wir auch Monolithen, die wir einfärben und in den Himmel wachsen lassen können. Diese tauchen meist zufällig auf und manchmal auch erst nach einiger Zeit. Berühren wir ausreichend dieser magischen Steine öffnet sich ein Pfad. Doch wohin soll dieser Weg schon führen, in einem Spiel was kein Ziel hat?

Wir werden an ein vorher unerreichbares Tor in Form eines Dreiecks geführt. Passieren wir es, landen wir in einer neuen Zone dieses verwunschenen Landes. Diese Zone ist klar von der vorigen durch Farbe, Vegetation und Bewohner abgegrenzt, während die Stimmung unverändert meditativ bleibt.

Dennoch ist jedes neue Kapitel nach einer kurzen Erkundungstour bald erschöpft. Spätestens wenn man bis zu den feinen Levelgrenzen vorgestoßen ist, hat man alle Elemente gesehen und wartet sehnsüchtig auf das nächste Portal. Vielleicht ist gerade deswegen Shape oft he World ein relativ kurzes Vergnügen. Spätestens nach zwei Stunden ist der Zauber vorbei und der Spieler wird wieder in die reale Welt katapultiert.

Einziges Sammelobjekt des Spiels sind Samen, die in der Umgebung verstreut sind. Diese können wir nach Belieben werfen und damit sofort neue Bäume und Pflanzen sprießen lassen. Einen tieferen Sinn haben diese kleinen Gärtneraktionen allerdings nicht. Vor allem, da sich meist massig formgleiche Gewächse in der näheren Umgebung befinden. Dennoch ist es nett, neben dem prozessual Erschaffen der gesamten Welt, auch punktuell in sie eingreifen zu können.

Und das war es auch eigentlich schon. So schweben, pflanzen und langweilen wir uns von Weltenkapitel zu Weltenkapitel und stellen langsam unsere Gehirnfunktionen auf das Nötigste um. Hier und da erklingt ein Ton, manchmal tippen wir an einen Stein. Hach, diese Ruhe.

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Fazit
Wie bewertet man ein Spiel, das sich sämtlichen spielerischen Rahmen, wie Regeln und Sieg entzieht? Die Umgebungen sind äußerst stimmungsvoll und hochwertig designt und natürlich hat man auch seinen kindlichen Spaß am Beobachten der kleinen Tierchen, doch mir hat es irgendwann gereicht. Vielleicht gehöre ich zu dieser verdorbenen Generation, die ständig Frust, Erfolg und Flow braucht. Da sich Shape of the World quasi als „Anti-Spiel“, also Spiel ohne Herausforderung, etabliert, kann man mangelndes Gameplay nicht negativ ankreiden. Aber von einem Entspannungsspiel möchte ich langsam in Stimmung gebracht, eingefangen und dann auf eine Reise geschickt werden. Bisher bieten die Welten von Shape of the World einfach noch zu wenig, um die Spielenden organisch zu beschäftigen und der Einstieg vom Alltag in die zugegeben bezaubernde Spielwelt gänzlich ohne Aufgabe zu abrupt. So warte ich nach kurzer Zeit ähnlich mit genervt verdrehten Augen auf das nächste Portal, wie auf den morgendlichen Bus. Die sinnvolle Langeweile, die unsern Geist wandern gehen lässt, stellt sich einfach nicht ein. Meiner Meinung nach kann ein gezwungener Stillstand so nie ein erholsamer sein. Dennoch hat Shape of the World sicher eine Zielgruppe. Das Spiel ist ab sofort für PC, Switch, Playstation 4 und Xbox One momentan für rund 11,00 bis 20,00 Euro zu haben.
Gut
  • Kreatives Design
  • Interaktiver Soundtrack
Weniger Gut
  • Aus Mangel an Aufgaben resultiert keine Entspannung sondern Ungeduld
6
adäquat
Written by
Henriette Buss ist seit 2017 Redakteurin bei spieletester.de und forscht innerhalb ihres Studiums zu Videospiel-Inszenierung und interessiert sich besonders für Avatar-Bindungen.

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