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Tower of Time (PC) Test

Mit Tower of Time kreiert Event Horizon eine funkelnde Perle für den nostalgischen Hardcore-Rollenspieler. Da Rollenspiele mittlerweile eher den leichten Einstieg wählen, um eine breitere Masse an Spielern und Spielerinnen zu erreichen, muss man sich eine zwingende Frage stellen: Ist Tower of Time ein Titel für einen ausgestorbenen Spielertypus? Mehr dazu hier im Test.

Tower of Time – Das verwüstete Land

Artara liegt in Schutt und Asche. Schon in früher Vorzeit hat sich ein Schatten über das Land gelegt und die einst fruchtbaren Zeiten beendet. Damals lebten die fünf Völker der Welt noch in Frieden und Wohlstand neben einander. Die Menschen im Zentrum, die Zwergen in den Bergen, die Elfen in den Wäldern, fremde Wesen auf dem Eis und eine geheimnisvolle Rasse in den Wüstenebenen.

Der Handel, die Kultur und die technischen Forschungen florierten. Die Bewohner tauschten sich aus, arbeiteten an einer Infrastruktur samt Flugobjekten und Eisenbahnen und schwangen sich zu höchster Bildung auf. Zauberei war zu dieser Zeit noch kein großes Thema.

Doch als die Menschen eine merkwürdige Magie für sich entdeckten, veränderte sich alles. Sie schien von der Erde selbst zu kommen und verlieh den Bewohnern von Artara mächtige Fähigkeiten. Doch sie sollten einen hohen Preis dafür zahlen. Durch Missbrauch ihrer neuerworbenen Zauberkunst beschworen sie Schatten herauf, die das fruchtbare Land zerstörten. Nur wenige überlebten und müssen nun in kargen, düsteren Zeiten Leben.

Tower of Time – Der unsichtbare Held

Ein Bauernjunge scheint auf einem Streifzug durch die Wälder die Quelle allen Übels gefunden zu haben. Ein strahlender Turm – durch eine merkwürdige Energie verkehrt herum vom Himmel in den Erdboden gebohrt. Ein Relikt aus vergangener Zeit. Der Turm zieht ihn an, er flüstert, spricht von alten Tagen und vermeintlichen Heldentaten. Der Junge flieht, doch die Begegnung wird ihn nie wieder loslassen.

Zum ersten Offizier des Königs erwachsen kehrt unser Held zurück. Die Ahnung, hier die Alpträume dieser Erde beenden zu können, treiben ihn voran. Ein kleine Delegation folgt ihm. Im tiefst- (oder höchst-, wie mans nimmt) gelegenen Thronsaal macht unser vermeidlicher Protagonist es sich wiederum erst einmal auf dem Thron bequem und wird auch dort bleiben.

Ein bisschen enttäuscht ist man schon. Denn von nun an wird unser Offizier, der durch den Thron mit dem Turm wahrlich verschmilzt und seine Gefährten so hören, sehen und führen kann, aus der Ferne kommandieren. Das ist als Idee zur immersiven Einbindung der Spielenden gar nicht mal so unattraktiv. Lenken wir die Charaktere doch ebenso, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Den Protagonisten nicht zu sehen, kann sich aber zu Anfang ungewohnt anfühlen.

Tower of Time – Stolpersteine des Storytellings

Die Geschichte ist generell gut geschrieben, aber etwas diffus erzählt. Möglicherweise, weil die Story auch etwas verschwurbelt anmutet. Dennoch macht das Zuhören und Lesen Spaß, während die Dramaturgie zu wünschen übrig lässt. Die Texte sind anspruchsvoll und schön ausformuliert, jedoch bisher nur auf Englisch vorhanden, was manche abschrecken könnte. Aber so ganz neu ist die Geschichte um die letzte Hoffnung auf eine heile Welt ohnehin nicht und persönliche Entscheidungen können wir auch nicht treffen. Schade.

Nun schicken wir unsere Helden los in die Untiefen des Turms. Dieser ist in insgesamt elf Ebenen aufgeteilt. Jedes Stockwerk bringt hierbei eine besondere Umgebung und spezifische Gegnertypen mit sich. Im ersten Level schlagen wir uns noch durch typische Fantasy Dungeons und blumige Grotten, wo wir auf untote Skelette und Orcs treffen. Soweit die alte Leier. Doch eine industriell wirkende Ebene mit mechanischen Bots wird folgen, bis wir schließlich in eine Art Science-Fiction-Welt vordringen. Ein riesiges Haareraufen für alle Fantasy-Rollenspieler garantiert!

Tower of Time – Location und Labertasche

Diese doch recht zusammengewürfelte Spielwelt lässt einen zwar etwas ratlos zurück, doch eines kann man ihr nicht vorwerfen: Langweilig wird es nicht! Außerdem wurde nicht an Details gespart. Die Grafik und Gestaltung ist zwar nicht auf dem neusten Stand, doch es wurde sich größte Mühe gegeben, alles möglichst vollzustopfen. Darunter leidet auch leider die Übersicht. So lässt sich beispielsweise nicht ohne weiteres eine Statue, mit der wir interagieren können, von den restlichen dutzend unterscheiden. Da kann es schon einmal passieren, dass man an Questgegenständen einfach vorbeiläuft.

Die ich nenne sie mal „krümelige“ Optik und die Iso-Perspektive erinnern natürlich schnell an Serienklassiker wie Diablo, Baldurs Gate oder Sacred. Die Geschichte wird aber hauptsächlich in vertonten, aquarelligen Bildern erzählt. Trotz des schmalen Budgets des Entwicklerstudios sind diese recht gut gelungen, obwohl man natürlich gerne vollanimierte Szenen gesehen hätte. Die bedeutungsschwere Stimme des Geschichtenerzählers führt uns angemessen durch die Abenteuerreise im Turm.

Doch man darf sich nicht zu früh freuen. Denn Tower of Time ist keine Vorlesestunde. Tower of Time spielen heißt viele Dialoge wälzen. Denn nicht nur die Aufzeichnung, die uns stückweise über die Geheimnisse des Turms aufklären sind zu studieren, sondern auch diverse Schriftrollen, Hinweise, Umgebungsbeschreibung und natürlich was jeder zu jedem Zeitpunkt sagt. Wenn die Stimmen nicht nur aus den Mündern unserer Helden, sondern auch gerne mal aus Statuen, Brunnen, dem Turm selbst und sonstigen mehr oder weniger körperlichen Wesen kommen, verkommen die eigentlich lesenswerten Texte zeitweise zu Buchstabensuppe.

Tower of Time – Jetzt gibts endlich auf die Nuss!

Hier liegt mein ganz persönliches Problem. Die Texte sind großartig anschaulich geschrieben. Die Charaktere unserer Helden sind in jedem Satz herauszuhören und die kleinen Wortgefechte sind kleine humoristische Leckerbissen. Natürlich wäre in diesem Umfang auch keine Vertonung möglich gewesen. Doch nennt mich einen faulen Sack, gerade als jüngere Spielerin würde ich gerne zwischendurch auch einfach mal das Schwert schwingend durch den Turm ziehen, anstatt alle Nase lang aufmerksam relativ anspruchsvolle englische Texte zu lesen. Möglicherweise wäre dieses Problem bereits mit einer deutschen Ausgabe behoben.

Apropos das Schwert schwingen: Neben kleineren Rätseln besteht natürlich unsere Hauptaufgabe im Rundmachen diverser Gegner. Hierbei treffen wir meist auf eine Gruppe, deren Stats uns bei Begegnung angezeigt werden. Gleichzeitig bekommen wir die Möglichkeit vier von insgesamt sieben Helden mit verschiedenen Spezialfähigkeiten in den Kampf zu nehmen. Erscheint unsere Truppe der Situation nicht gewachsen, können wir uns auch friedlich zurückziehen.

Glücklicherweise! Denn das Niveau ist knackig. Aus fünf Schwierigkeitsstufen (die wir jederzeit wechseln können) könnt ihr euch eine aussuchen. Ist im sogenannten „Storymodus“ der Kampf noch eher eine Fingerübung, zieht der Schwierigkeitsgrad mit jeder weiteren Stufe extrem an.

Tower of Time – Taktischer Kampf in der Arena

Die Gefechte spielen sich in Arenen ab, die aus verschiedenen Portalen immer wieder Gegnergruppen ausspeien. An einer Leiste können wir ablesen, wie groß der Anteil der noch zu besiegenden Gegner ist. Von wo die Feinde auf uns zu kommen, ist immer unterschiedlich, was jeden Kampf taktisch einzigartig macht.

Planung ist hierbei von elementarer Wichtigkeit! Denn jeder Held muss mächtigen Attacken ausweichen und seine Zauber sauber timen. Um dieser Herausforderung Herr zu werden, können wir die Zeit verlangsamen oder Pausieren, um neue Ziele zuzuweisen. Und das ist wirklich bitter nötig, denn manche Arenen sind so groß und unübersichtlich, dass jeder Schritt gut überlegt werden sollte.

In unserem Repertoire befinden sich altbekannte Klassen wie Nah- und Fernkämpfer, sowie Magier und Tanks. Jeder Held hat seine eigenen ausbaubaren Zauber. So sind Heiltotems, das Beschwören einer Steinwand oder eines Baumkriegers, Feuerpfeile und Eisattacken nur einige wenige der Spezialfähigkeiten. So gut wie jeder Zauber hat dabei seine Berechtigung und ist in manchen Situationen sogar zwingend. Beispielsweise können wir in brenzligen Situationen alle Gegner auf unseren Nahkämpfer mit starker Rüstung zu fokussieren, damit unsere Fernkämpfer per Teleport-Zauber das Weite suchen können.

Tower of Time – Was wirklich wichtig ist

Doch nun kommen wir zum eigentlichen Herz des Spiels. Das leidenschaftlich pochende Herz.

Tower of Time legt all seine Liebe in das (Trommelwirbel) Skill- und Aufrüstungssystem. Tja, klingt komisch, ist aber so. Neben dem Aufwerten der Heldenwerte Geschwindigkeit, Leben, Stärke und Meisterschaft können wir weiter Spezialattacken freischalten und vorhandene ausbauen. Dafür stehen uns mit jedem Level eine bestimmte Anzahl an Skillpunkten zur Verfügung.

Die Skilltrees unserer Zauber sind glücklicherweise recht linear. Die Entwicklungsmöglichkeiten beschränken sich meist auf zwei Richtungen und lassen sich nach Belieben wieder rückgängig machen und neu investieren. Dies kann je nach Situation auch unbedingt notwendig sein, um auf neue Gegnertypen zu reagieren. Es gilt flexibel zu bleiben, denn die perfekte Kombination für das gesamte Spiel gibt es nicht.

Um unsere Helden aufsteigen zu lassen, müssen wir sie in unserer Stadt (eigentlich nur einem bebilderten Menü) trainieren. Die Stadt bauen wir mit gefundenen Blueprints aus und erweitern damit die Skillmöglichkeiten. Neben dem „normalen“ Levelaufstieg in den Barracken und dem Verfeinern unserer Zauberkünste im Magierturm steht auch ein Besuch beim Schmied an.

Tower of Time – Items, Items, Items

In der Schmiede können wir unsere Waffen, Amulette und jedes einzelne (jedes!) Rüstungsteil verbessern. Beispielsweise können wir verschiedene Steine nutzen, um bestimmte Boni zuzuweisen, aber auch gefundene an das jeweilige Teil gebundene Zauber wirken, die weitere Vorteile bringen. So könnt ihr euch je nach Gegnertyp gegen bestimmte Elementarkräfte schützen, Mana- und HP-Regeneration ankurbeln und eure Spezialkräfte pushen.

Das ist ein hartes Stück Arbeit. Nicht nur, dass man erst einmal verstehen muss, in welcher Situation welche Fähigkeiten wichtig sind und an welchen Rädchen man drehen muss, um das System auszunutzen, auch wird man mit einer riesigen Anzahl von Items überschüttet. Das Inventar (dass sich alle Helden teilen) ist derart schnell zugemüllt, dass man sich die To Do-Liste für den nächsten Stadtbesuch kaum merken kann.

Ein weiteres Manko ist, dass Waffen und Rüstung, egal wie aufgewertet oder verzaubert sie sind, sich nicht vom Rest unserer Klamotten in den Inventarslots unterscheiden. Man klickt sich während der Aufrüstung und Skillung durch viele farblich wenig ansprechende Menüs und immer gleiche Rüstungsteile. Gerade zu Anfang schraubt man endlos an jeder Anzeige herum ohne groß ein Gefühl für die Auswirkungen zu haben. Oder überhaupt zu wissen, was man da gerade macht. Insgesamt liegt das Hauptaugenmerk der Entwickler nicht an der Bedienungsfreundlichkeit.

In allen Schwierigkeitsgraden über dem Story-Modus heißt es jedoch „Friss oder stirb!“. Denn ohne sorgfältig geskillte Helden und immer wieder wechselnde Rüstung werden die Kämpfe zum Kraftakt. Ein riesiger Pluspunkt ist hierbei, dass man die Auswirkungen unserer Heldenaufwertungen sofort im Kampf spürt. Geht uns im Durchforsten unserer Charaktertabellen das Gefühl für den Nutzen verloren, ist er im Gefecht sofort wahrnehmbar. Das motiviert im weiteren Spielverlauf ungemein.

Fazit
Zu aller erst muss ich mich wohl outen. Ich bin keine Hardcore-Rollenspielerin. Ich gehöre zur Generation Morrowind, die Geschichten hören, Schätze entdecken und lieber nebenher an den Charakterwerten arbeiten will. Dennoch hat mich Tower of Time nach kurzer Ratlosigkeit bei meiner Spielerehre gepackt. Nicht nur, dass das sehr taktische Kampfsystem für den 0815-Rollenspieler ein interessantes neues Element ist, auch wollte ich durch diesen Wust an Informationen irgendwann einfach durchsteigen. Zwar wird zu Anfang so gut wie alles an einem Stück erklärt, aber für meinen Teil konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht alles merken und einschätzen. Doch das kommt! Ab einem gewissen Zeitpunkt beginnt man den Umgang mit diesem Menü-Auflauf zu verstehen und sich mit dem System anzufreunden. Leichte Kost ist das nicht und bestimmt kein Spiel für jeden. Der Leseaufwand, die brüchige Story, der große Planungs- und vergleichsweise geringe Gefechtsteil, all das sind gravierende Stolpersteine. Doch am Ende der knapp 45 Stunden Spielzeit hat man sich selten so stolz in die Brust geworfen. Diesen Brocken zu schaffen ist eine Geduldsprobe, die jedoch immer wieder aufgehellt ist durch tolle Dialoge und Texte, interessante Geheimnisse und auch immer wieder das Quäntchen Liebe, dass in diesem gut durchdachten System aus Rollenspiel und Echtzeitstrategie steckt. So spricht Tower of Time möglicherweise mit seinem Tabellenwust einen ausgestorbenen Rollenspielertyp an, erweckt jedoch in Verbindung mit dem Kampfsystem und viel Sorgfalt einen neuen. Alle, die mal wieder etwas ihren inneren Strategen fordern möchten, machen mit Tower of Time für 21 Euro ein ansehnliches Schnäppchen. Wer lieber Schmetterlinge fangen, Zaubertränke brauen und ein paar Drachen lieber direkt eins auf die Nuss geben möchte, setzt besser keinen Fuß in den Tower of Time.
Gut
  • Toller Mix aus RTS und Rollenspiel
  • Abwechslungsreiches Kampfsystem
  • Feingliedriges Skillsystem
  • Teils tolle Dialoge
Weniger Gut
  • Aufwändiger Spieleinstieg
  • Etwas farblose, diffuse Story
8
Gut
Written by
Henriette Buss ist seit 2017 Redakteurin bei spieletester.de und forscht innerhalb ihres Studiums zu Videospiel-Inszenierung und interessiert sich besonders für Avatar-Bindungen.

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